Caroline Kleinfeldt
Die Angestellte
Geboren: 1816
Gestorben: 18.03.1848
Geburtsort: Königsberg
Beruf: Dienstmädchen
Gruppe: Beobachterin
Caroline Kleinfeldt ist eine von 255 Menschen, die auf dem Friedhof der Märzgefallenen begraben sind. Lies dich durch das Material, um zu erfahren, wie Carolines Leben vor, während und nach der Revolution 1848/49 aussah.
Die wichtigsten Texte zu ihrem Leben vor, während und nach der Revolution sind mit den lila Pfeilen markiert.
Caroline Kleinfeldt: Vor der Revolution
Caroline Kleinfeldt wird 1816 in Königsberg in Preußen geboren. Sie stammt wahrscheinlich aus armen Verhältnissen. Sie zieht nach Berlin, vermutlich in der Hoffnung, dort ein besseres Leben zu finden. Zu Carolines Zeit sehen viele Menschen die Bestimmung der Frauen in fürsorglichen, erzieherischen und schmückenden Tätigkeiten. Eine berufliche Ausbildung erhalten sie deshalb häufig nicht. Vor allem Frauen und Mädchen aus Arbeiter- und Handwerkerfamilien müssen trotzdem sehr häufig mit schlecht bezahlter Näh- und Heimarbeit die Haushaltskasse auffüllen. Arbeiten sie in Fabriken, verdienen Frauen nur die Hälfte des Lohnes der Männer. Am unsichersten ist die Lage alleinstehender junger Frauen wie Caroline. Diese ziehen in immer größerer Zahl vom Land in die Stadt Berlin, um in reicheren Haushalten zu arbeiten. Auch Caroline arbeitet als Dienstmädchen, wahrscheinlich für einen Kaufmann. Das Haus, in dem sie arbeitet, befindet sich auf der Oberwallstraße in der Nähe des Berliner Schlosses.
Exkurs: Geschlechterrollen und Arbeit
Die Rollenzuschreibung im 19. Jahrhundert sieht die natürliche Bestimmung der Frauen in der Erziehung der Kinder. Frauen von Arbeitern und Handwerkern müssen häufig mit schlecht bezahlter Näh- und Heimarbeit die Haushaltskasse aufbessern. Arbeiten sie in Fabriken, verdienen sie nur die Hälfte des Lohnes der Männer. Alleinstehende junge Frauen wie Caroline, die als Dienstmädchen arbeiten, befinden sich in einer besonders unsicheren Lage. In Berlin gehören in den 1840er-Jahren 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung zum Dienstpersonal der reicheren Familien. Dienstmädchen wie Caroline haben kein leichtes Leben. Sie schlafen meist in kleinen, dunklen und unbeheizten Zimmern. Feste Arbeitszeiten gibt es für sie nicht. Die Hausangestellten müssen ständig arbeitsbereit sein. Ein Arbeitstag als Dienstmädchen kann bis zu 16 Stunden dauern – auch am Wochenende. Häufig haben sie nur jeden zweiten Sonntagnachmittag frei.
Caroline Kleinfeldt: Während der Revolution
Der 18. März 1848 ist ein Samstag. Caroline arbeitet an diesem Tag vermutlich. Von ihrem Arbeitsplatz aus beobachtet sie die Ereignisse auf den Straßen Berlins. Trotzdem ist Caroline vor der Gewalt auf der Straße nicht sicher. Am Nachmittag errichten Menschen in der Nähe der Wohnung, in der sie arbeitet, die ersten beiden Barrikaden. Soldaten nehmen die erste Barrikade kurz nach 15 Uhr ein. An der zweiten kämpfen die Aufständischen erbittert gegen das anstürmende Militär. Vom Dach des Hauses, in dem sich Caroline befindet, werfen Menschen Steine. Die Soldaten feuern daraufhin in die Höhe. Im dritten Stock tritt Caroline ans Fenster. Ob aus unvorsichtiger Neugierde oder weil sie selbst eingreifen will, bleibt unklar. Ein Bericht aus dem Jahr 1848 zitiert sie mit den Worten: „Seinem Schicksal kann man ja doch nicht entgehen.“ In diesem Moment trifft eine Kugel sie tödlich. Kurz danach erschießen Soldaten den Wirt der Gaststätte „Zeitungshalle“, welche sich im ersten Stock desselben Hauses befindet. Dann beginnen sie im Gebäude mit brutalen Festnahmen und Misshandlungen. In anderen Häusern hilft das Dienstpersonal den Bedrängten. In einem Haus am Spittelmarkt versteckt eine Köchin zehn Flüchtende in einem engen Wohnungsverschlag und postiert sich vor der Tapetentür während der Durchsuchung.

An den Barrikaden kämpfen nicht nur Männer. Das Bild zeigt, wie Frauen an den Barrikaden in Berlin mitkämpfen. Sie gießen Kugeln und schleppen Steine auf Dächer und Türme. Schau das Bild genau an. Womit sind die Menschen auf dem Bild bewaffnet?
Exkurs: Wer kämpft und stirbt auf den Barrikaden?
Der Friedhof der Märzgefallenen wird während der Revolution 1848 angelegt. Hier werden insgesamt 255 Menschen beerdigt. Alle sterben während der Kämpfe am 18. und 19. März oder an den Folgen ihrer Verletzungen. Unter den Bestatteten sind auch 11 Frauen. Viele Berliner Frauen beteiligen sich an dem Aufstand. Sie organisieren viel Notwendiges im Zusammenhang mit den Kämpfen. Sie gießen Kugeln, bauen Barrikaden, verpflegen die Kämpfenden und versorgen die Verwundeten. Von einigen wissen wir, dass sie mit der Waffe in der Hand auf den Barrikaden kämpfen.
Nachdem schon am 19. März beschlossen wird, die Toten der Barrikadenkämpfe im Volkspark Friedrichshain zu beerdigen, werden zunächst die Särge auf dem Gendarmenmarkt aufgebahrt. Am 22. März werden 183 Särge dann in einem großen Trauerzug zum neu errichteten Friedhof der Märzgefallenen gebracht.
Auch die Verwundeten, die später sterben, werden auf dem Friedhof der Märzgefallenen bestattet. Es entstehen insgesamt 255 Gräber.
Adlige und Bürger sind die Ausnahme. Rund 85 Prozent der Toten sind Menschen ohne Vermögen oder politische Stimme.
Exkurs: Dienstmädchenversammlung
Carolines letzte Worte sollen gewesen sein: “Seinem Schicksal kann man ja doch nicht entgehen.” Die Leipziger Dienstmädchen sehen das offenbar anders und schließen sich zusammen, um für eine Verbesserung ihres Schicksals zu kämpfen. Auf dem Plakat siehst du eine Frau, die vor dem Leipziger Dienstmädchenverein spricht. Was denkst du, hätte sie Caroline gesagt?
Im Jahr 1848 nutzen Leipziger Dienstmädchen die neue Versammlungs- und Vereinsfreiheit, um für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu kämpfen. Mit über 5.000 Frauen stellen sie damals die größte weibliche Erwerbsgruppe in der Stadt dar. Am 16. April 1848 gründen die Dienstmädchen einen Verein. Doch aufgrund intensiver Kritik und hitziger Diskussionen in der Stadtgesellschaft konnte sich die Bewegung nicht lange halten.
Die Forderungen der Leipziger Dienstmädchen lauten:
1. Erhöhung des Lohnes
2. Nicht fünf Treppen unterm Dach hoch schlafen müssen.
3. Mindestens freitags und sonnabends, wo es viel angreifende Arbeit gebe, eine kräftige Suppe.
4. Um 10 Uhr abends, wenn nicht Krankheit oder andere ungewöhnliche Abhaltung dies unstatthaft mache, sich zu Bette legen zu dürfen.
5. Alle 4 Wochen einmal Erlaubnis zum Ausgehen.
6. Aufhebung der monatlichen Ziehzeit (Ziehzeit entspricht im heutigen Sprachgebrach der Kündigungsfrist. Das ist der vertraglich oder gesetzlich festgelegte Zeitraum zwischen einer Kündigung eines Arbeitsverhältnisses und seinem Ende.)
Exkurs: Das Ende der Revolution
An nur drei Tagen im November 1848 beendet der König die Revolution in Berlin: Am 10. November besetzt General von Wrangel mit 13.000 Soldaten die Stadt. Am 11. November wird die Berliner Bürgerwehr aufgelöst, und am 12. November wird der Belagerungszustand verhängt. Statt Pressefreiheit, lebhafter Meinungsbildung in Cafés und auf der Straße, öffentlichen Protesten und Demonstrationen erzwingt Friedrich Wilhelm IV. Ruhe in Preußen. Der König erlässt für den preußischen Staat eine eigene Verfassung, die aber die revolutionären Hoffnungen nicht erfüllen kann. Im Frühjahr 1849 bietet die Frankfurter Nationalversammlung dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone eines vereinten Deutschlands an. Im April 1849 lehnt der König dann aber ab, da der Krone, so Friedrich Wilhelm IV., der „Ludergeruch der Revolution“ anhafte. Auf gesamtdeutscher Ebene scheitert die Revolution endgültig, als die militärische Niederschlagung unter preußischer Führung der „Reichsverfassungskampagne“ im Juli 1849 den letzten revolutionären Widerstand bricht.
Zahlreiche Revolutionäre, darunter Parlamentarier der Paulskirche, fliehen vor politischer Verfolgung ins Ausland.
Caroline Kleinfeldt: Nach der Revolution
Nach der Revolution von 1848 ändert sich für viele Frauen, insbesondere für Dienstmädchen wie Caroline, nur wenig. Sie bleiben oft am Rande der Gesellschaft, haben harte Arbeitsbedingungen und keine politische Mitsprache. Trotzdem beginnt nach der Revolution ein langsamer gesellschaftlicher Wandel. Frauen engagieren sich vermehrt in Vereinen und Bewegungen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Das politische Engagement anderer Dienstmädchen zeigt, dass Frauen auch aktive Teilnehmerinnen der Revolution sind, auch wenn sie oft übersehen werden. Sie fordern in ihrem Bereich genauso gleiche Rechte für alle Menschen, wie andere dies im Bereich der Handwerker beispielsweise tun. Ab dem späten 19. Jahrhundert gelingt es ihnen ihre Lage dann auch allmählich zu verbessern. Grundlage dafür sind unter anderem die in den 1870er-Jahren gebildeten ersten Gewerkschaften und Arbeiterinnenvereine, die sich für bessere Arbeitszeiten und mehr Rechte einsetzten.
Exkurs: Die Frauen unter den Märzgefallenen
Heute findet man noch insgesamt 24 Grabzeichen auf dem Friedhof der Märzgefallenen. Wenn Du vor Ort bist, schau sie Dir genauer an. Drei Grabsteine sind erhalten, die an Frauen erinnern: Adeline Behm, Henriette Fuchs und Caroline Gliesche. Alle diese Frauen stammen
aus den unteren sozialen Schichten. Als Dienstmädchen, Arbeitsfrauen oder Handarbeiterinnen gehören sie zu den Menschen in Berlin, die am meisten von Armut und den sozialen wie politischen Krisen betroffen sind.