Isidor Kaim
Der Vorkämpfer der Judenemanzipation
Geboren: 25.02.1817
Gestorben: 01.09.1873
Geburtsort: Dresden
Beruf: Rechtsanwalt
Gruppe: Revolutionäre
Vor der Revolution
Isidor Kaim wird am 25. Februar 1817 in Dresden als 15. Kind von Samuel und Buna Kaim geboren. Sein Vater ist Juwelier und später Vorsteher der israelitischen Gemeinde. Isidor wächst in einer jüdischen Familie auf, die Wert auf Bildung legt. Er besucht das Gymnasium und erlangt dort die Hochschulreife. Anschließend beginnt er ein Medizinstudium, wechselt jedoch zur Rechtswissenschaft an der Universität Leipzig.
Schon früh setzt er sich für die rechtliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung ein. Gemeinsam mit Joseph Bondi gründet er 1840 den Verein Jeschuat-Achim, der sich für die Emanzipation der Juden in Sachsen einsetzt. Der Hamburger Jurist Gabriel Riesser wird sein Vorbild. Kaim nutzt sein juristisches Wissen, um die Benachteiligung der jüdischen Bevölkerung aufzuzeigen. Seine erste größere Schrift trägt den Titel „Geschichte der Juden in Sachsen mit besonderer Rücksicht auf ihre Rechtsverhältnisse“.
Obwohl er sein Examen ablegt, bleibt ihm der Zugang zur Advokatur verwehrt – offiziell aufgrund seiner jüdischen Herkunft. Die sächsische Gesetzgebung verbietet jüdischen Juristen, als Anwälte zu arbeiten. 1845 entschließt er sich, König Friedrich August II. persönlich um eine Zulassung zu bitten. Tatsächlich wird ihm das Recht zugesprochen, als Anwalt tätig zu werden, doch der Widerstand gegen ihn bleibt groß. Erst Jahre später kann er seine Tätigkeit in Leipzig aufnehmen.
Exkurs: Die jüdische Bevölkerung vor der Revolution
Vor der Revolution ist die Lage der jüdischen Bevölkerung im deutschsprachigen Raum von Unsicherheit und Diskriminierung geprägt. In den Jahren vor der Revolution kommt es zu wiederholten antijüdischen Unruhen, besonders in ländlichen Gebieten und kleinen Städten. Diese werden oft durch hohe Preise und schlechte Ernten ausgelöst, wodurch die Wut auf die jüdischen Händler und Kaufleute wächst. Man wirft ihnen vor, sich an der Teuerung zu bereichern. In vielen Regionen werden die Jüdinnen:Juden als Sündenböcke für soziale und wirtschaftliche Probleme verantwortlich gemacht. Ihre rechtliche Stellung ist ebenfalls eingeschränkt, etwa bei der Berufsausübung oder der Ansiedlung. Sie benötigen oft spezielle Genehmigungen für Gewerbe und sind in vielen Städten von bestimmten Berufen ausgeschlossen.
In seinem Buch von 1840 argumentiert Kaim, dass die Gleichstellung der Juden nicht nur ein Akt der Gerechtigkeit wäre, sondern auch zum Wohlstand und zur Entwicklung der gesamten Gesellschaft beitrage. Er hebt hervor, dass die Diskriminierung aufgrund religiöser Zugehörigkeit überwunden werden muss, um eine wahrhaft demokratische und gerechte Gesellschaft zu erreichen.
Während der Revolution
1848 wird Isidor Kaim zu einem entschiedenen Verfechter demokratischer Ideen. Er ist ein mitreißender Redner und engagiert sich als Mitglied im Vaterlandsverein. In der Presse, darunter die Zeitschrift Der Orient, macht er sich für Gleichberechtigung stark.
Die Polizei stuft ihn als „entschiedenen Gegner der Regierung“ ein. Seine Reden und Veröffentlichungen rufen die konservativen Kräfte gegen ihn auf. Dennoch bleibt er standhaft und kämpft weiter für eine gerechtere Gesellschaft.
Exkurs: Die jüdische Bevölkerung während der Revolution
Die Revolution ist für jüdische Menschen von gemischten Erfahrungen geprägt. Viele jüdische Menschen hoffen, dass die Revolution ihnen gleiche Rechte und eine bessere Zukunft bringen wird. Viele von ihnen setzen sich für diese rechtliche Gleichstellung und die aller Bürger:innen aktiv ein. Gleichzeitig bleiben jüdische Menschen europaweit jedoch weiterhin gewaltsamen Angriffen und anti-jüdischen Gerüchten und Erzählungen ausgesetzt. Liberale Politiker setzen sich für die Emanzipation der Jüdinnen:Juden ein. In der Frankfurter Nationalversammlung sprechen sich viele Abgeordnete dafür aus, dass alle Menschen – unabhängig von Religion – die gleichen Rechte haben sollen. Dieser Einsatz für gleiche Rechte zeigt, wie wichtig vielen Demokraten 1848 die Idee der Gerechtigkeit ist. Auch Isidor setzt sich für eine Gesellschaft ein, in der alle Menschen gleich behandelt werden – unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion.
Nach der Revolution
Nach der Niederschlagung der Revolution wird Isidor Kaims berufliche Laufbahn immer wieder behindert. 1851 wird er „mit Rücksicht auf seine jüdische Konfession“ als Sachwalter abgelehnt. Während andere Gerichte diese Entscheidung nicht teilen, bleibt der Widerstand gegen ihn in Leipzig bestehen.
1854 folgt ein schwerer Schlag: Er wird verhaftet und wegen angeblicher Veruntreuung von Wertpapieren zu sechs Jahren Arbeitshaus verurteilt. Viele sehen darin eine gezielte Kampagne gegen ihn. Nach mehreren Revisionen wird die Strafe leicht reduziert, doch er bleibt bis 1859 in Haft.
Nach seiner Entlassung zieht er nach Dresden, später nach Berlin. Sein lebenslanger Kampf für Gleichberechtigung zeigt sich in seinen zahlreichen Schriften und seinem unerschütterlichen Einsatz für die Rechte der jüdischen Bevölkerung in Sachsen.
Exkurs: Jüdische Märzgefallene?
Die genaue Zahl der jüdischen Märzgefallenen können wir nur schätzen – es sind bis zu 21. Bei der Beerdigung am 22. März hält auch der Rabbiner Michael Sachs eine Rede an den aufgebahrten Särgen. Er ist nicht der einzige, sondern neben ihm sprechen auch ein protestantischer, ein katholischer Geistlicher und der Vorsitzende des Demokratischen Klubs. Sachs ist einer der größten Verfechter der politischen Emanzipation von jüdischen Menschen in Preußen. Er erklärt in seiner Rede, „die Berliner Juden würden nun deutsch denken und fühlen.“ Die Barrikadenkämpfer:innen, sagt er, seien „mit der Glut der Begeisterung für die Macht einer Idee gestorben, die alle Dämme und Scheidewände niedergerissen hat, die sonst den Menschen von sich selbst und den Menschen vom Menschen trennen.“ In einer Zeitung wird dieser Moment als „herzergreifend“ beschrieben – vor allem, weil die Rede offenbar spontan und nicht vorbereitet ist. Man bezeichnet seine Rede sogar als den schönsten Moment der ganzen Trauerfeier.