Emma Herwegh

Geboren:  1802

Gestorben:  24.03.1904

Geburtsort:  Magdeburg

Beruf:  Schriftstellerin

Vor der Revolution
Emma Siegmund wird am 10. Mai 1817 in Magdeburg geboren. Sie ist die Tochter eines reich gewordenen Berliner Kaufmanns und seiner Frau. In wohlhabenden Verhältnissen wächst sie in Berlin auf. In ihrem liberalen und offenen Elternhaus gehen prominente Gäste ein und aus. Sie genießt eine ausgezeichnete Bildung, eine außergewöhnliche Tatsache für Mädchen in dieser Zeit. Dennoch empfindet sie ihr Leben als junge Bürgerstochter als langweilig. Mit ihrem burschikosen Auftreten verstößt sie oft gegen die Anstandsregeln ihrer Zeit.
Ihr politisches Bewusstsein wird durch die französische Juli-Revolution von 1830, das Hambacher Fest und die polnische Freiheitsbewegung geweckt. Kurz nach der ersten Begegnung heiratet sie den liberal denkenden Dichter Georg Herwegh. Da Georg Herwegh für eine demokratische Zeitschrift arbeitet, werden er und seine Frau Emma aus Berlin verwiesen, und sie lassen sich in Paris nieder. Dort führt Emma von 1843 bis 1848 einen politischen Salon, um sich auszutauschen.

Exkurs: Bürgerliche Frauen im 19. Jahrhundert
(Bürgerliche) Frauen sind in der Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts unmündig. Das bedeutet, dass Frauen keine Entscheidungen selbst treffen können. Sie dürfen ihr eigenes Geld nicht selbst verwalten, sich vor Gericht nicht selbst vertreten und auch nicht selbst entscheiden, wo sie arbeiten wollen. Diese Entscheidungen trifft der sogenannte Geschlechtsvormund für Frauen. Das ist der Vater und nach der Eheschließung der Ehemann. Frauen sind diesen Männern wie Kinder unterstellt. Immer weiter verbreitet sich auch der Gedanke, dass Männer und Frauen aufgrund ihres Geschlechts natürliche Eigenschaften haben und deswegen bestimmte Rollen ausüben sollten. Für Frauen stellt man sich vor, dass diese besonders emotional, liebevoll und fleißig seien. Die zugedachte Rolle ist daher die der Mutter und der Ehefrau. Männer dagegen wären strategisch denkend und rational. Der Platz der Männer – so die Logik der Rollenzuschreibungen – sei damit der öffentliche Raum und die Berufstätigkeit. Der Platz der Frauen, das eigene Haus.

Exkurs: Politische Salons als Form der Teilhabe
Politische Salons gibt es meist in bürgerlichen Haushalten. Die Gäste versammeln sich und diskutieren politische Themen, lesen gemeinsam Berichte und bauen so gemeinsam, außerhalb der Strukturen eines Parlaments ein Netzwerk auf. Oft sind es Frauen, die diese politischen Salons organisieren. Das liegt zum Teil auch am Rollenbild der bürgerlichen Frau, dieses beschreibt die Frau in einer unterstützenden Rolle des Mannes. Frauen sollen sich nach dieser Vorstellung nicht direkt am Kampf beteiligen oder ins Parlament ziehen. Manche Frauen wollen sich aber ins politische Geschehen einbringen und ihre Meinung selbst vertreten. Das Gastgeben schafft eine Möglichkeit, sich zu beteiligen, ohne aus dem Rollenbild auszubrechen. Dazu kommt, dass bürgerliche Frauen, beziehungsweise deren Familien,  oft die finanziellen Mittel haben, um Abendeinladungen auszusprechen.

Während der Revolution
In den Revolutionsmonaten 1848 wird Emma Herwegh noch stärker aktiv. Als ihr Mann die Führung einer Freiwilligenarmee übernimmt, reist sie mit ihm nach Baden, um die Revolutionär:innen zu unterstützen. Sie hilft dabei, die Strategien der Revolutionsgegner zu entlarven und kämpft getarnt in Männerkleidung. Schließlich wird sie für eine Nacht sogar zur Truppenführerin. Nach dem Scheitern des Aufstandes können sie und ihr Mann ihr Leben nur knapp retten und fliehen in die Schweiz.

Zur Geschichte der deutschen demokratischen Revolution aus Paris (1849)
“Die Pariser deutsche demokratische Legion. An unsere deutschen Mitkämpfer aus Frankreich und der Schweiz und an das deutsche Volk.
(…) Wir sind deutsche Demokraten, wollen Alles für das Volk, Alles durch das Volk! – Wir wollen die deutsche Republik mit dem Völker verbindenden Wahlsprüche: Freiheit! Gleichheit! Bruderliebe! (…) Wir sind ein wohlgerüstetes Hilfskorps im Dienste des deutschen Volkes, bereit für Deutschlands Freiheit und Größe zu fechten bis auf den letzten Mann, gegen innere und äußere Feinde. Kampfgerüstet stehen wir am Rheine, und doch treibt uns nicht blinde, ungestüme Kampflust, – wir wünschen, daß unsere Mission eine friedliche sein könne, daß der Sieg ohne Blut, die Freiheit ohne Menschenopfer errungen werden möge.
(…) Deutsche Brüder in der Heimath! Eure Brüder aus der Fremde, aus der Verbannung, nahen, empfangt sie als Freunde! Wir gedachten niemals als Feinde auf deutschen Boden zu treten, niemals Euch die Freiheit aufzudringen, (…).”

Exkurs: Ehen und Liebesbeziehungen zwischen Revolutionär:innen
Die Ehe wird im 19. Jahrhundert meistens nicht aus Liebe geschlossen. Häufiger bestimmen Familien über den Ehepartner der Tochter und auch auf Seiten des Bräutigams ist der Einfluss der Familie auf die Wahl der Braut sehr groß. Im Falle Emma Herwegh verlief das Ganze aber anders. In Georg Herwegh findet Emma einen gleichgesinnten Demokraten. Beide unterstützen die Revolution aus Überzeugung und bestärken gegenseitig ihre politischen Positionen. Bis heute kann man die Beziehung der beiden über Briefe, die sie sich schicken, nachvollziehen.

Hier findet ihr einen Auszug aus einem Brief, den Emma Herwegh im Dezember 1847 an Georg Herwegh schickt:
“(…) Morgen Abend bin ich bei Bettina (v. Arnim). Sie schreibt Brief an Brief an den König und ist, was man auch sagen mag, die Einzige hier, von denen, die ich kenne, die das Herz auf dem richtigen Fleck hat. (…) Mein Brief ist dumm, aber ich bin krank heute und so voll Zorn über alles, was um mich herum geschieht, und die eigene Unfähigkeit, auch nur etwas ändern zu können, das mir das Weinen näher ist als das Schreiben. Schreien möcht’ Ich bis die ganze Stadt zusammenliefe und dieser erbärmlichen, schändlichen Wirtschaft einmal ein Ende machte. Morgen was Besseres! (…)  Deine Emma”
Emma Herwegh ist es wichtig, politische Veränderung zu schaffen. Sie spricht über die Arbeit der Revolutionärin Bettine v. Arnim und berichtet Georg Herwegh von ihrer Frustration nicht genug ändern zu können.

Auch andere Revolutionäre erkennen, dass manche Paare eine Art Revolutionsdynamik haben. Dabei wird die Rolle der Frau aber meist anders bewertet als die des Mannes. In einem Flugblatt wird folgendes über eine Frau auf der Barrikade in Dresden geschrieben:

“Wir könnten ein dickes Buch vollschreiben, wenn wir die verschiedenen Beispiele von Muth, von Verwegenheit und Todesverachtung anführen wollten, womit sich Jünglinge und Greise, Männer und Frauen dem Tode weiheten. Auch an Beispielen von Grausamkeit und Unmenschlichkeit soll es nicht gefehlt haben, womit sich einzelne Kämpfer befleckten. An der Wilsdruffer Straße kämpfte eine Jungfrau, deren Geliebter auf der Barrikade gefallen war, mit einer Wut und Entschlossenheit, die an Wahnsinn grenzte. Drei Tage lang behauptete sie das Bollwerk, bis sie von einer Kugel getroffen fiel; mit ihrem Falle sank auch die Barrikade.“

Der Bericht beschreibt die elementare Rolle einer Frau in der Aufrechterhaltung einer Barrikade. Die Begründung für ihre Hingabe zur Revolution ist jedoch laut dem Bericht im ersten Sinne nicht die Revolution selbst, stattdessen wird angedeutet, dass die Frau aus Liebeskummer so fanatisch kämpft.

Nach der Revolution
Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 fliehen Emma und Georg Herwegh in die Schweiz. Dort führt Emma einen politischen Salon, der zu einem Treffpunkt für europäische Intellektuelle und Revolutionäre wird. Sie unterstützt aktiv die italienische Freiheitsbewegung und pflegt eine enge Freundschaft mit italienischen Freiheitskämpfern wie Felice Orsini, dem sie auch 1856 bei der Flucht aus dem Gefängnis hilft, indem sie ihm zwischen Buchdeckeln versteckte Metallsägeblätter schickt.
1866 kehren Emma und Georg in die deutschen Länder zurück und lassen sich in Baden-Baden nieder. Nach dem Tod ihres Mannes zieht Emma Herwegh 1878 nach Paris. Dort verdient sie ihren Lebensunterhalt als Sprachlehrerin und Übersetzerin. Trotz finanzieller Herausforderungen bewegt sie sich in intellektuellen Kreisen und pflegt unter anderem eine enge Beziehung zum jungen Frank Wedekind. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1904 setzt sie sich unermüdlich für ihre revolutionären Ideale ein und bemüht sich, das Erbe ihres Mannes zu bewahren.
Emma Herwegh stirbt am 24. März 1904 in Paris. Sie wird neben ihrem Mann in der Schweiz beerdigt.