Gustav von Lenski
Der adlige Revolutionär
Geboren: 10.10.1814
Gestorben: 19.03.1848
Geburtsort: Seedranken
Beruf: Privatier
Gruppe: Revolutionär
Gustav von Lenski ist einer von insgesamt 255 Toten der Revolution 1848, die auf dem Friedhof der Märzgefallenen begraben liegen.
Vor der Revolution
Gustav von Lenski wird 1814 in Seedranken in Ostpreußen geboren. Er stammt aus einer deutsch-polnischen Adelsfamilie. Ab 1834 studiert Gustav Jura an der Universität in Königsberg. Er wird dort Mitglied einer Studentenverbindung, die die Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ trägt. Während seines Studiums beschäftigt er sich mit demokratischen Ideen. Ab 1838 absolviert Gustav eine Ausbildung in der Verwaltung als Regierungsreferendar in Marienwerder und Stralsund. Er möchte eine Prüfung für eine höhere Verwaltungstätigkeit ablegen, wird aber abgelehnt. Ab 1845 lebt er hauptsächlich in Berlin. Er hat viel Kontakt zu Demokrat:innen und späteren Revolutionär:innen. Ende 1847 soll er angekündigt haben, notfalls mit Gewalt für soziale Gerechtigkeit kämpfen zu wollen. Er wird im Nachhinein von einem General als Kommunist bezeichnet.
Exkurs: Adel in Preußen
Preußen ist 1848 eine absolute Monarchie, in der König Friedrich Wilhelm IV. sich auf Gott beruft. Adelige Menschen ernennen oder wählen damals also nicht den König, haben aber dennoch eine besondere Rolle in der preußischen Gesellschaft. Der preußische Adel bleibt trotz gesellschaftlicher Veränderungen in Herrschaftsstrukturen eingebunden, da er weiterhin über Privilegien wie Grundbesitz, Patronatsrechte und politische Ämter verfügt. Diese Rechte sichern seinen Einfluss auf ländliche Gebiete und die Politik. Großgrundbesitzer dominieren die Elite, während andere Adlige ohne Landbesitz oft als Offiziere oder Beamte arbeiten. Diese Ungleichheiten führen zu einer sozialen Schichtung im Adel, der sich von einem Herrschaftsstand zu einer regionalen Elite wandelt. Seit 1823 tagen die adeligen Männer in den sogenannten Provinziallandtagen. Diese haben eine beratende Funktion für den König. Zudem wird 1847 erstmals der Vereinigte Landtag einberufen. Dort sind Adelige, Großbauern und städtische Grundbesitzer vertreten. Die Mehrheit der Bevölkerung bleibt ausgeschlossen.
Exkurs: Militär in Preußen
Preußen ist ein Militärstaat. Die Armee ist ein wesentliches Element für die innere Stabilität des Königreiches, sie schützt und garantiert die Unantastbarkeit und Macht des Königs. Eine höhere Offizierslaufbahn durchlaufen fast nur Adlige. Gegenüber den einfachen Soldaten herrscht ein strenges Prinzip des Gehorsams. Befehle müssen befolgt werden. Der König setzt das Militär immer wieder bei Hungerrevolten gegen die eigene Bevölkerung ein – zum Beispiel bei der sogenannten Kartoffelrevolution 1847. Auch in den Wochen und Monaten vor der Märzrevolution 1848 kommt es in Berlin vermehrt zu Zusammenstößen zwischen Soldaten und Bevölkerung. Gustav von Lenski entscheidet sich während seines Studiums dazu, seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger bei der Landwehr zu absolvieren. Damit verzichtet er auf die Option, im Falle eines Studienabbruchs königlich-preußischer Offizier zu werden.
Während der Revolution
Vieles weist darauf hin, dass Gustav von Lenski für eine demokratische Ordnung ist und sich auch an den revolutionären Versammlungen im März 1848 beteiligt. Was ziemlich sicher ist: Er kommandiert am 18. März eine Berliner Barrikade. Mit vielen anderen Menschen verteidigt er die aus Fässern, umgestürzten Wagen und aus allerlei Sperrgut schnell errichteten Barrikaden. Nicht nur männliche Bürger und Arbeiter, auch Frauen und Kinder sind dabei. Gewehre, Äxte, Bajonette oder einfach Steine sind ihre Waffen. Über offenen Feuern wird Nachschub an Munition für die Gewehre gegossen. Nach einem zeitgenössischen Bericht ist der Kampf an dieser Straßenecke besonders heftig. Von einem Dach und aus den Fenstern der umliegenden Häuser schießen Revolutionär:innen auf die Soldaten.
Auf der Flucht vor dem übermächtigen Militär flüchtet Gustav, bereits verwundet, in ein Haus an der Ecke Friedrichstraße/Kronenstraße. Hinterher stürmen Soldaten mit General Karl von Prittwitz, der erst an diesem Tag das Oberkommando über die preußischen Truppen übernimmt. Gustav stirbt am nächsten Tag an den Folgen seiner Schussverletzungen in der Charité. Sein Leichnam wird zusammen mit den 183 anderen Opfern dieser Nacht auf dem Gendarmenmarkt aufgebahrt. Und am 22. März 1848 auf dem Friedhof der Märzgefallenen begraben.
Die Volksversammlung in den Zelten
Am 6. März erklärten sich Studenten bei einer der Versammlungen im Tiergarten bereit, die Forderungen in einer Petition zusammenzufassen. Hier siehst du den Forderungskatalog, wie er vom Revolutionär Carl Nauwerck einige Wochen später in der Nationalzeitung veröffentlicht wird. Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Punkte?
Carl Nauwerck: Deutsche Volkstafel, Nationalzeitung vom 4. 4. 1848
Vollkommene Preßfreiheit, ohne Geldbürgschaften; die Geschworenengerichte urtheilen über Preßvergehen.
Wahrhaft konstitutionelle Verfassung, mit allgemeinem Wahl- und Wählbarkeitsrecht.
Verantwortlichkeit der Minister gegenüber den Volksvertretern.
Vereidigung des Heeres auf die Verfassung.
Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze.
Gleichberechtigung aller Einwohner ohne Unterschied des Glaubens; vollkommene Religionsfreiheit und Trennung der Kirche vom Staate.
Vereins- und Versammlungsrecht, sowie volle Lehr- und Hörfreiheit.
Unbeschränktes Bitt- und Beschwerderecht.
Gewährleistung der persönlichen Freiheit und Unverletzbarkeit des Hausrechts.
Geschworenengerichte.
Unabhängigkeit der Richter; nur auf gerichtliches Urtheil dürfen sie abgesetzt und versetzt werden.
Verminderung des stehenden Heeres und Volksbewaffnung mit Erwählung der Führer durch die Wehrmänner.
Öffentlichkeit aller öffentlichen Angelegenheiten.
Barrikadenkampf in Berlin

An den Barrikaden kämpfen nicht nur Männer. Das Bild zeigt, wie Frauen an den Barrikaden in Berlin mitkämpfen. Sie gießen Kugeln und schleppen Steine auf Dächer und Türme. Schau das Bild genau an. Womit sind die Menschen auf dem Bild bewaffnet?
In seinem Buch mit dem Titel „Berlin 1848“ schreibt der preußische General Karl von Prittwitz unter anderem seine Erinnerungen an die Barrikadenkämpfe am 18. und 19. März 1848 auf. Karl von Prittwitz hat bei den Kämpfen das Oberkommando über die Soldaten in Berlin. Dabei erwähnt er auch Gustav, der in einem Treppenhaus verletzt wird. Was meint Gustav wohl mit „eine schöne Sache“?
„Der Mut der Aufständischen wurde indes durch die Verwundung des Anführers gebrochen. Dies war der Referendar und Landwehr-Leutnant von Lenski, der bereits drei tödliche Schüsse im Leibe habend, dennoch, mit dem Degen in der Faust, die Treppe verteidigte, bis ihm eine Kugel beide Beine zerschmetterte. Zufällig war kein Offizier beim Erstürmen dieser Treppe zugegen, deshalb fielen die ergrimmten Füsiliere über ihn her und schleiften ihn die Treppe hinunter, wobei er rief: ‚Tötet mich, aber quält mich nicht so!‘ Aus dieser gräßlichen Lage befreite ihn der, auf sein Geschrei herbeigeeilte Leutnant von Hülsen. […] Leutnant von Hülsen sprach hierauf seine Verwunderung aus, wie er als Offizier unser Gegner geworden sei, worauf jener ihm erwiderte: ‚Sie mögen vielleicht Recht haben, jedoch glaube ich, daß Sie nur für eine gute, ich dagegen für eine schöne Sache gefochten habe.‘“
Exkurs: Wer kämpft und stirbt auf den Barrikaden?
Der Friedhof der Märzgefallenen wird während der Revolution 1848 angelegt. Hier werden insgesamt 255 Menschen beerdigt. Alle sterben während der Kämpfe am 18. und 19. März oder an den Folgen ihrer Verletzungen. Unter den Bestatteten sind auch elf Frauen. Viele Berliner Frauen beteiligen sich an dem Aufstand. Sie organisieren viel Notwendiges im Zusammenhang mit den Kämpfen, gießen Kugeln, bauen Barrikaden, verpflegen die Kämpfenden und versorgen die Verwundeten. Von einigen wissen wir, dass sie mit der Waffe in der Hand auf den Barrikaden kämpfen.
Exkurs: Das Ende der Revolution
An nur drei Tagen im November 1848 beendet der König die Revolution in Berlin: Am 10. November besetzt General von Wrangel mit 13.000 Soldaten die Stadt. Am 11. November wird die Berliner Bürgerwehr aufgelöst, und am 12. November wird der Belagerungszustand verhängt. Statt Pressefreiheit, lebhafter Meinungsbildung in Cafés und auf der Straße, öffentlichen Protesten und Demonstrationen erzwingt Friedrich Wilhelm IV. Ruhe in Preußen. Der König erlässt für den preußischen Staat eine eigene Verfassung, die aber die revolutionären Hoffnungen nicht erfüllen kann. Im Frühjahr 1849 bietet die Frankfurter Nationalversammlung dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone eines vereinten Deutschlands an. Im April 1849 lehnt der König dann aber ab, da der Krone, so Friedrich Wilhelm IV., der „Ludergeruch der Revolution“ anhafte. Auf gesamtdeutscher Ebene scheitert die Revolution endgültig, als die militärische Niederschlagung unter preußischer Führung der „Reichsverfassungskampagne“ im Juli 1849 den letzten revolutionären Widerstand bricht. Zahlreiche Revolutionäre, darunter Parlamentarier der Paulskirche, fliehen vor politischer Verfolgung ins Ausland.
Nach der Revolution
Gustav erlebt durch seinen Tod infolge der Barrikadenkämpfe die restliche Revolution nicht mehr. Fälle wie Gustav beunruhigen den König und seine Berater. So werden in der Folge Hunderte, die nicht königstreu genug wirken, auf Listen gesetzt, überwacht und ab Ende 1848 politisch verfolgt. Gustavs Andenken zu bewahren, hat heute Tradition in seiner Familie. Jedes Jahr trifft sich die Familie von Lenski am 18. März auf dem Friedhof der Märzgefallenen, um an den Vorfahren und Revolutionär zu erinnern.