Lucie Lenz
Die Spionin
Geboren: 21.10.1824
Gestorben: 03.01.1948
Geburtsort: Wittstock in der Prignitz
Beruf: wechselnd
Gruppe: Revolutionärin
Lucie Lenz ist eine bekannte Berliner Revolutionärin. Lies dich durch das Material, um zu erfahren, wie Lucie Lenz‘ Leben vor, während und nach der Revolution 1848/49 aussah. Die wichtigsten Texte zu ihrem Leben vor, während und nach der Revolution sind mit den lila Pfeilen markiert.
Vor der Revolution
Lucie Lenz wird 1826 als Luitgarde Lorenz in Wittstock in Preußen geboren. Sie ändert im Laufe ihres Lebens mehrmals ihren Namen. Mit ungefähr 20 Jahren zieht sie unter dem Namen Louise Lorenz nach Berlin, bekannt wird sie dort später als „Lucie Lenz“. Wie viele andere junge Frauen hofft sie, in der Stadt ein besseres Leben zu finden. In Berlin hat sie Gelegenheitsjobs, sie arbeitet als Dienstmädchen, Chorsängerin und Putzmacherin – das ist ein Beruf, in dem man Damenhüte herstellt. 1845 bekommt Lucie ein Kind. Weil sie unverheiratet ist, kommt das Baby kurz nach seiner Geburt zu Pflegeeltern. Als Frau aus einfachen Verhältnissen gelingt es Lucie, Zugang zu wohlhabenden Kreisen zu bekommen. Sie nimmt Kontakt mit gebildeten Menschen in Berlin und auch in Wien auf. Offensichtlich verfügt sie über eine gewisse Grundbildung, die es ihr erleichtert, sich in diesen Kreisen zu bewegen.
Exkurs: Schule im 19. Jahrhundert
Viele Kinder besuchen Mitte des 19. Jahrhunderts in Berlin und anderen Städten Preußens die örtlichen Armenschulen. In den Klassen sind teilweise 80 bis 100 Kinder. Neben Grundkenntnissen in Lesen, Schreiben und Rechnen stehen allerdings eher die soziale Disziplinierung, Achtung vor Autorität und religiöse Erziehung auf dem Lehrplan. Die Mädchen werden außerdem nicht auf Beruf oder Studium vorbereitet, sondern auf das Leben als Hausfrau. Für die meisten Kinder, insbesondere für die Mädchen, endet die Schulzeit spätestens im Alter von 10 Jahren. Nur reichere Familien können sich leisten, die Kinder auf eine höhere Schule zu schicken. Lucie Lenz berichtet später, sie sei mit 14 Jahren von ihrem Vater bei einem Lehrer untergebracht worden. Dort wird sie möglicherweise länger unterrichtet als andere Mädchen ihrer Herkunft.

Illustration von Theodor Hosemann, 1843, Bild: akg images
Bilder wie diese Illustration von 1843 zeigen uns, wie der Schulalltag aussah. Damals gilt körperliche Gewalt als erlaubtes Mittel, um Schüler:innen zu erziehen. Was denkst du, wie sich der Schüler in dieser Situation fühlt?
Während der Revolution
Unter dem Namen Lucie Lenz lebt sie 1848 in Berlin. Es gibt keine Belege dafür, dass Lucie an den Barrikadenkämpfen vom 18. und 19. März 1848 in Berlin beteiligt ist. Im Laufe des Jahres wird sie aber eine der bekanntesten Revolutionärinnen der Stadt. Am 4. Juni gibt es eine große Demonstration auf dem Friedhof der Märzgefallenen. Die Anwesenden fordern eine Anerkennung der Revolution. Bei der Veranstaltung übergibt Lucie Lenz im Namen der demokratisch gesinnten Frauen in Berlin einigen bekannten Demokraten eine gestickte Fahne in den Revolutionsfarben Schwarz, Rot und Gold. Sie hält auch eine kurze Rede. In einer Zeitung heißt es später: „Der Eindruck, den diese ergreifende Stimme des Mädchens auf die Umstehenden macht, ist unbeschreiblich.“ Dass sich Frauen in der Öffentlichkeit politisch äußern, ist etwas bis dahin Ungewohntes in Preußen. Die Rolle der Frau soll in der Vorstellung vieler Menschen auf den Haushalt beschränkt bleiben. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Insbesondere ärmere Frauen fertigen oft Waren in Heimarbeit und arbeiten in Fabriken, als Dienstmädchen oder gehen anderen Tätigkeiten nach, um Geld für sich oder ihre Familie zu verdienen. Am 14. Juni 1848, beim Sturm auf das Berliner Zeughaus, ist Lucie Lenz wieder dabei. Sie tritt in den folgenden Monaten immer wieder als Sprecherin der demokratischen Frauen Berlins auf. Im September 1848 wird der Demokratische Frauenverein gegründet, in dem sie zahlreiche Reden hält.

Barrikade in Berlin am 18. März 1848
An den Barrikaden kämpfen nicht nur Männer. Das Bild zeigt, wie Frauen an den Barrikaden in Berlin mitkämpfen. Sie gießen Kugeln und schleppen Steine auf Dächer und Türme. Schau das Bild genau an. Womit sind die Menschen auf dem Bild bewaffnet?
Wer kämpft und stirbt auf den Barrikaden?
Der Friedhof der Märzgefallenen wird während der Revolution 1848 angelegt. Hier werden insgesamt 255 Menschen beerdigt. Alle sterben während der Kämpfe am 18. und 19. März oder an den Folgen ihrer Verletzungen. Unter den Bestatteten sind auch 11 Frauen. Viele Berliner Frauen beteiligen sich an dem Aufstand. Sie organisieren viel Notwendiges im Zusammenhang mit den Kämpfen. Sie gießen Kugeln, bauen Barrikaden, verpflegen die Kämpfenden und versorgen die Verwundeten. Von einigen wissen wir, dass sie mit der Waffe in der Hand auf den Barrikaden kämpfen.
Nachdem schon am 19. März beschlossen wird, die Toten der Barrikadenkämpfe im Volkspark Friedrichshain zu beerdigen, werden zunächst die Särge auf dem Gendarmenmarkt aufgebahrt. Am 22. März werden 183 Särge dann in einem großen Trauerzug zum neu errichteten Friedhof der Märzgefallenen gebracht.
Auch die Verwundeten, die später sterben, werden auf dem Friedhof der Märzgefallenen bestattet. Es entstehen insgesamt 255 Gräber.
Adlige und Bürger sind die Ausnahme. Rund 85 Prozent der Toten sind Menschen ohne Vermögen oder politische Stimme.
Politisches Engagement trotz Ausschluss
Zwar können Frauen während der Revolution weder an den Wahlen teilnehmen noch gewählte Abgeordnete sein. In Vereinen und Clubs formieren sich aber Frauen aus verschiedenen sozialen Schichten. Lucie ist in Berlin Teil des im Herbst 1848 gegründeten Demokratischen Frauenclubs. Die Mitglieder dieses Clubs verlangen noch keine Gleichberechtigung von Männern und Frauen, sondern diskutieren über Themen wie die Verbesserung der sozialen Lage von ärmeren Frauen und Kindern. Die meisten Männer ärgern sich sehr darüber, dass Frauen sich politisch engagieren.

Landesarchiv Berlin
Lucie wird während der Revolution auch für ihre Reden berühmt. Sie wird zu einer der Sprecherinnen der demokratischen Frauen Berlins.
Ist die Darstellung aus deiner Sicht eher eine Karikatur oder eine Dokumentation?
Im Frühjahr und Sommer 1848 nutzen viele Berliner:innen neue Möglichkeiten, um miteinander zu diskutieren. Sie bringen Plakate und Flugblätter auf die Straße, um über aktuelle Themen zu reden. Auch Lucie Lenz ruft die Berlinerinnen auf, sich dem Kampf anzuschließen. Hier der Text des Flugblatts:
„Frauen von Berlin!
In Zeiten wie die gegenwärtige, dürfen auch Frauen nicht müßig dem Elende des Volkes zusehen, die Frauen waren es von jeher, welche in die Hütten der Armut Trost und Hülfe brachten. Jetzt wo die allgemeine Not täglich größer wird, wo die Männer voll Verzweiflung sich in einen Kampf stürzen, um Freiheit und Brot zu erringen, jetzt lasst auch uns nicht müßig zusehen, tragt Euer Schärflein dazu bei um der allgemeinen Noth zu steuern, lasst uns nicht vergeblich an Eure Türen klopfen, ein jeder tue was in seinen Kräften steht. Lucie Lenz.“

Bild: Landesarchiv Berlin
Lucie ist auch dabei, als im Sommer 1848 das Zeughaus gestürmt wird. Berichten zufolge in Männerkleidung, was großes Aufsehen erregt. Sie erbeutet dabei ein Gewehr und wird danach für kurze Zeit verhaftet. Das Zeughaus ist 1848 das zentrale militärische Waffenlager Berlins. Im Juni 1848 plündert eine Gruppe das Lager in einer spontanen Revolte – vor allem jüngere Männer und Frauen aus den ärmeren Schichten sind dabei. Bürgerwehr und Militär lösen den Aufstand auf. Es ist die größte Unruhe seit den Barrikadenkämpfen im März. Die Menschen fordern von der Preußischen Nationalversammlung, dass sie die Revolution unterstützt.
Das Ende der Revolution
An nur drei Tagen im November 1848 beendet der König die Revolution in Berlin: Am 10. November besetzt General von Wrangel mit 13.000 Soldaten die Stadt. Am 11. November wird die Berliner Bürgerwehr aufgelöst, und am 12. November wird der Belagerungszustand verhängt. Statt Pressefreiheit, lebhafter Meinungsbildung in Cafés und auf der Straße, öffentlichen Protesten und Demonstrationen erzwingt Friedrich Wilhelm IV. Ruhe in Preußen. Der König erlässt für den preußischen Staat eine eigene Verfassung, die aber die revolutionären Hoffnungen nicht erfüllen kann. Im Frühjahr 1849 bietet die Frankfurter Nationalversammlung dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone eines vereinten Deutschlands an. Im April 1849 lehnt der König dann aber ab, da der Krone, so Friedrich Wilhelm IV., der „Ludergeruch der Revolution“ anhafte. Auf gesamtdeutscher Ebene scheitert die Revolution endgültig, als die militärische Niederschlagung unter preußischer Führung der „Reichsverfassungskampagne“ im Juli 1849 den letzten revolutionären Widerstand bricht.
Zahlreiche Revolutionäre, darunter Parlamentarier der Paulskirche, fliehen vor politischer Verfolgung ins Ausland.
Nach der Revolution
Nach der Niederschlagung der Revolution in Berlin, Dezember 1848, muss Lucie Lenz die Stadt verlassen. Sie ist schwanger, aber nicht verheiratet. Bürgerrechte gelten nur für Männer. Wenn eine erwachsene Frau keinen Mann und ein Kind keinen Vater hat, stehen sie außerhalb der Gesellschaft, uneheliche Kinder sind zu dieser Zeit rechtlich benachteiligt. Das ist auch für Lucie ein Problem. Aber sie kann in Köln ein neues Leben beginnen. Sie gibt sich als Adlige aus. Die preußischen Behörden helfen ihr dabei und stellen ihr falsche Papiere aus, denn sie arbeitet wahrscheinlich für sie als Spionin. Ob sie dazu gezwungen wird oder freiwillig Informationen über die Revolutionär:innen anbietet, ist nicht bekannt. Nach 1848 wissen wir nur wenig Genaues über Lucies Leben. Immer wieder hat sie Probleme mit den örtlichen Behörden. Häufig wird gegen sie ermittelt, weil Zweifel an ihrer Identität aufkommen. Doch immer dann, wenn die Untersuchungen die höheren preußischen Behörden erreichen, werden sie plötzlich eingestellt. Sie lebt mit ihren Kindern an verschiedenen Orten Europas, unter anderem in London.