Magnus Bernstein

Geboren:  ca. 1818

Gestorben:  18.03.1848

Geburtsort:  Ellrich

Beruf:  Burchdruckergehilfe

Magnus Bernstein ist einer der Toten der Revolution 1848, die auf dem Friedhof der Märzgefallenen begraben liegen. Lies dich durch das Material, um zu erfahren, wie Magnus Bernsteins Leben vor, während und nach der Revolution 1848/49 aussah.

Vor der Revolution
Magnus Bernstein wird ca. 1818 in Ellrich in Preußen geboren. Wir wissen heute nur wenig über sein Leben. Fest steht,  dass er aus einer jüdischen Familie kommt. Sein Bruder Carl ist jüdischer Gemeindediener, seine Schwester ist mit dem Redakteur Aaron Bernstein verheiratet. Magnus arbeitet als Buchdruckergehilfe, einem Handwerksberuf, mit dem es ihm vermutlich besser geht als den meisten anderen Menschen in Berlin. Während des Vormärz wird viel über die rechtliche und politische Gleichstellung von Jüdinnen:Juden diskutiert. Obwohl sie in Preußen bereits seit 1812 auch preußische Staatsbürger:innen sein können, ist die Emanzipation noch unvollständig. Besonders der Zugang zu den meisten Staatsämtern bleibt jüdischen Männern noch verwehrt. Von seinem Schwager wissen wir, dass er sich demokratisch-revolutionären Ideen widmet, was möglicherweise auch für Magnus selbst gilt.

Exkurs: Die jüdische Bevölkerung vor der Revolution
Vor der Revolution ist die Lage der jüdischen Bevölkerung im deutschsprachigen Raum von Unsicherheit und Diskriminierung geprägt. In den Jahren vor der Revolution kommt es zu wiederholten antijüdischen Unruhen, besonders in ländlichen Gebieten und kleinen Städten. Diese werden oft durch hohe Preise und schlechte Ernten ausgelöst, wodurch die Wut auf die jüdischen Händler und Kaufleute wächst. Man wirft ihnen vor, sich an der Teuerung zu bereichern. In vielen Regionen werden die Jüdinnen:Juden als Sündenböcke für soziale und wirtschaftliche Probleme verantwortlich gemacht. Ihre rechtliche Stellung ist ebenfalls eingeschränkt, etwa bei der Berufsausübung oder der Ansiedlung. Sie benötigen oft spezielle Genehmigungen für Gewerbe und sind in vielen Städten von bestimmten Berufen ausgeschlossen.
In seinem Buch von 1840 argumentiert der jüdische Anwalt Isidor Kaim, dass die Gleichstellung der Juden nicht nur ein Akt der Gerechtigkeit wäre, sondern auch zum Wohlstand und zur Entwicklung der gesamten Gesellschaft beitrage. Er hebt hervor, dass die Diskriminierung aufgrund religiöser Zugehörigkeit überwunden werden muss, um eine wahrhaft demokratische und gerechte Gesellschaft zu erreichen.​

Während der Revolution
Bis 1848 sind Jüdinnen:Juden in Berlin im Vergleich zu anderen Orten weitgehend akzeptiert und werden weniger ausgegrenzt. Viele von ihnen gehören zu den gehobenen Bevölkerungsschichten. Sie spielen eine wichtige Rolle in der Kultur und Gesellschaft der Stadt. Jüdische Frauen wie Rahel Varnhagen und Amalie Beer führen bedeutende Salons, in denen sich Intellektuelle und Künstler:innen treffen. Auch politisch werden die Berliner Jüdinnen:Juden von den meisten Mitbürger:innen akzeptiert. Verglichen mit ihrem kleinen Anteil an der Gesamtbevölkerung nehmen ungewöhnlich viele Berliner Jüdinnen:Juden an der Revolution teil. Viele von ihnen, wahrscheinlich auch Magnus, haben große Hoffnungen auf politische und soziale Gleichstellung. Dennoch verbreiten einige, wie Generalleutnant von Prittwitz, antisemitische Vorwürfe und Mythen. Diese Mythen behaupten, dass jüdische Bürger:innen die Barrikadenkämpfe heimlich geplant und ausgelöst hätten. Man unterstellt ihnen, Arbeiter:innen mit Geld und   zum Widerstand gegen das Militär angestiftet zu haben. Damit will man von den wahren politischen und sozialen Gründen für die Revolution ablenken. Magnus ist am 18. März 1848 auf dem Heimweg von der Arbeit, als er in die Barrikadenkämpfe gerät. Er überlebt die Kämpfe nicht – er wird an einer Barrikade erschossen und auf dem Friedhof der Märzgefallenen beerdigt.

Exkurs: Die jüdische Bevölkerung während der Revolution
Die Revolution ist für jüdische Menschen von gemischten Erfahrungen geprägt. Viele jüdische Menschen hoffen, dass die Revolution ihnen gleiche Rechte und eine bessere Zukunft bringen wird. Viele von ihnen setzen sich für diese rechtliche Gleichstellung und die aller Bürger:innen aktiv ein. Gleichzeitig bleiben jüdische Menschen europaweit jedoch weiterhin gewaltsamen Angriffen und anti-jüdischen Gerüchten und Erzählungen ausgesetzt. Liberale Politiker setzen sich für die Emanzipation der Jüdinnen:Juden ein. In der Frankfurter Nationalversammlung sprechen sich viele Abgeordnete dafür aus, dass alle Menschen – unabhängig von Religion – die gleichen Rechte haben sollen. Dieser Einsatz für gleiche Rechte zeigt, wie wichtig vielen Demokraten 1848 die Idee der Gerechtigkeit ist.

Exkurs: Schwager Aaron Bernstein
Magnus stirbt in der Revolution und kann nicht mehr selbst von seinem Kampf erzählen. Aber es gibt einige Berichte von Augenzeugen. 1873 veröffentlicht der Schwager von Magnus, Aaron Bernstein, ein Buch mit dem Titel „Aus dem Jahre 1848“. Dort erinnert er sich so an die die Ereignisse:
“Im Lauf von einer Stunde waren wie mit einem Zauberschlage die Straßen der Stadt verwandelt. Das Steinpflaster wurde aufgerissen, Tonnen, Brückenbohlen, Droschken, Omnibusse, Fuhrwerke aller Art, Wollsäcke, Brunnengehäuse, Hausgeräte und dazwischen Erde und Steinhaufen dienten zum Bau der Wälle, welche die Straßen sperrten und dem Militär den Durchgang hindern sollten. Die kleinen Steine wurden auf die Böden der Häuser gebracht, welche den Barrikaden am nächsten waren. Im Nu wurden die Dächer abgedeckt und die Dachsteine als Wurfgeschosse angesammelt, um das erwartete Militär damit zu vertreiben.”
In seinem Buch schildert Aaron auch die Bestattung am 22. März:
“Von den Häusern und aus den Fenstern wehten deutsche Flaggen und große Trauerflore. Schwarze Fahnen flatterten auf den Toren und von den Zinnen des königlichen Schlosses. Die männliche Bevölkerung der Stadt trug Trauerflor um die Arme, die Frauen erschienen in schwarzen Kleidern an den Fenstern und auf den Straßen. (…)
Vor der neuen Kirche am Gendarmenmarkte erhob sich eine gewaltige Estrade (Podest), worauf fast 200 Särge der Gefallenen, mit Blumen und Trauerflor geschmückt, aufgestellt waren. […] Gegen Mittag zogen die Abteilungen der Bürgerwehren, der Studenten-Korps, der Handwerker, der Korporationen von ihren angewiesenen Sammelplätzen herbei, um sich dem Zuge nach Anordnung des Komitees anzuschließen. Die Schützengilde, der Magistrat, die Stadtverordneten mit ihrem Kettenschmuck, wie die Geistlichen aller Konfessionen fanden sich in der Kirche ein.”

Exkurs: Das Ende der Revolution in Berlin
An nur drei Tagen im November 1848 beendet der König die Revolution in Berlin: Am 10. November besetzt General von Wrangel mit 13.000 Soldaten die Stadt. Am 11. November wird die Berliner Bürgerwehr aufgelöst, und am 12. November wird der Belagerungszustand verhängt. Statt Pressefreiheit, lebhafter Meinungsbildung in Cafés und auf der Straße, öffentlichen Protesten und Demonstrationen erzwingt Friedrich Wilhelm IV. Ruhe in Preußen. Der König erlässt für den preußischen Staat eine eigene Verfassung, die aber die revolutionären Hoffnungen nicht erfüllen kann. Im Frühjahr 1849 bietet die Frankfurter Nationalversammlung dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone eines vereinten Deutschlands an. Im April 1849 lehnt der König dann aber ab, da der Krone, so Friedrich Wilhelm IV., der „Ludergeruch der Revolution“ anhafte. Auf gesamtdeutscher Ebene scheitert die Revolution endgültig, als die militärische Niederschlagung unter preußischer Führung der „Reichsverfassungskampagne“ im Juli 1849 den letzten revolutionären Widerstand bricht.
Zahlreiche Revolutionäre, darunter Parlamentarier der Paulskirche, fliehen vor politischer Verfolgung ins Ausland.

Nach der Revolution
Nach der Revolution 1848 sind jüdische Bürger:innen wie Magnus Bernstein noch weit von echter Gleichberechtigung entfernt. Zwar gibt es einige Fortschritte, doch Vorurteile bleiben tief verwurzelt. Magnus als einer der Getöteten der Märzrevolution erlebt all dies nicht mehr selbst mit. Sein Schwager hingegen kämpft weiter. Er setzt sich hartnäckig für Pressefreiheit, Bildungszugang und jüdische Emanzipation ein. Bernstein macht König Friedrich Wilhelm IV. für das Scheitern der Revolution verantwortlich. Er nennt ihn einen „Verächter der liberal-konstitutionellen Doktrin“ und kritisiert, dass der König von Vorurteilen und Wahnvorstellungen geleitet wird. Besonders bedauert er, dass der König auf schlechte Berater hört, anstatt durch die Revolution zu lernen und gerechter zu handeln. Rückblickend glaubt Bernstein, der König habe zwar das Beste für Preußen gewollt, sei aber an den politischen und gesellschaftlichen Umständen gescheitert.

Exkurs: Jüdische Märzgefallene
Die genaue Zahl der jüdischen Märzgefallenen können wir nur schätzen – es sind bis zu 21. Bei der Beerdigung am 22. März hält auch der Rabbiner Michael Sachs eine Rede an den aufgebahrten Särgen. Er ist nicht der einzige, sondern neben ihm sprechen auch ein protestantischer, ein katholischer Geistlicher und der Vorsitzende des Demokratischen Klubs. Sachs ist einer der größten Verfechter der politischen Emanzipation von jüdischen Menschen in Preußen. Er erklärt in seiner Rede, „die Berliner Juden würden nun deutsch denken und fühlen.“ Die Barrikadenkämpfer:innen, sagt er, seien „mit der Glut der Begeisterung für die Macht einer Idee gestorben, die alle Dämme und Scheidewände niedergerissen hat, die sonst den Menschen von sich selbst und den Menschen vom Menschen trennen.“ In einer Zeitung wird dieser Moment als „herzergreifend“ beschrieben – vor allem, weil die Rede offenbar spontan und nicht vorbereitet ist. Man bezeichnet seine Rede sogar als den schönsten Moment der ganzen Trauerfeier.