Mikhail Bakunin

Der revolutionäre Anarchist

Geboren:  30.05.1814

Gestorben:  01.07.1876

Geburtsort:  Pryamukhino

Beruf:  Schriftsteller und Philosoph

Gruppe:  Revolutionär

Vor der Revolution

Mikhail Bakunin wird am 30. Mai 1814 in Priamuchino, Zarenreich Russland, als Sohn einer wohlhabenden Adelsfamilie geboren. Er wächst in einem konservativen Umfeld auf, doch schon früh zeigt er Interesse an Philosophie und revolutionären Ideen. Zunächst beginnt er eine militärische Laufbahn an der Artillerieschule in Sankt Petersburg, bricht diese jedoch 1835 ab, um sich der Philosophie zu widmen. In den 1840er Jahren reist Bakunin durch Europa, kommt in Kontakt mit sozialistischen und nationalistischen Bewegungen und entwickelt eine tiefgehende Abneigung gegen autokratische Herrschaft. Denn die ostslawischen Gebiete – heute Belarus, die Ukraine und Teile Russlands –  wurden seit langer Zeit von Russland unterdrückt.
In Paris lernt er unter anderem Karl Marx und Pierre-Joseph Proudhon kennen, von denen er ideologisch beeinflusst wird. 1844 hält er eine aufsehenerregende Rede, in der er die Befreiung der slawischen Völker fordert, was ihn in Russland zur Persona non grata macht. 1847 schließt er sich in der Schweiz radikalen politischen Kreisen an und wird zunehmend in revolutionäre Netzwerke eingebunden.

Während der Revolution

Mit dem Ausbruch der Revolution von 1848 ist Bakunin sofort aktiv. Zunächst beteiligt er sich in Paris an Aufständen und verfasst radikale Schriften zur nationalen und sozialen Befreiung. Im Mai 1848 reist er nach Prag und spielt eine zentrale Rolle beim Slawenkongress, der die Unabhängigkeit der slawischen Völker fordern soll.  Kurz darauf nimmt Bakunin an den revolutionären Kämpfen in Dresden teil, wo er mit Richard Wagner und anderen Demokraten auf den Barrikaden steht. Seine Beteiligung an der Dresdner Maiaufstandsbewegung 1849 führt zu seiner Verhaftung durch die sächsischen Behörden. Er wird an Österreich ausgeliefert und später nach Russland überstellt, wo ihn Zar Nikolaus I. persönlich verurteilt.

Exkurs: Der Maiaufstand in Dresden 1849

In Dresden kommt es vom 3.-9. Mai 1849 zu Barrikadenkämpfen. Der sächsische König August II. weigert sich, die von der Frankfurter Nationalversammlung erstellte Reichsverfassung anzunehmen. Diese ist ihm zu radikal und beschränkt seine Macht zu sehr. Der sächsische Landtag arbeitet mit parlamentarischen Mitteln gegen den König und versucht dessen Macht einzuschränken. Darauf löst König August II. den sächsischen Landtag auf. Die Vereine, die zuvor noch im Landtag vertreten waren, mobilisieren nun die öffentliche Masse und fordern, dass der König die Reichsverfassung aus Frankfurt annimmt. August II. wendet sich am 2. Mai an das Militär und befiehlt den Schutz seiner Person. Auch wendet er sich an seinen Schwager Friedrich Willhelm IV., den König Preußens und bittet ihn um Unterstützung durch preußische Truppen. Die Revolutionäre, zum Großteil die arme Bevölkerung Dresdens, stürmen daraufhin das Zeughaus – das Waffenlager – um sich für die Aufstände zu bewaffnen. Dieser Sturm auf das Zeughaus ist der Auftakt zum Dresdner Maiaufstand. Die Kämpfe hielten mehrere Tage an. Am Ende konnten die sächsischen Truppen mit Hilfe von preußischen Truppen, die gesendet wurden, gegen die ca. 3000 Aufständischen gewinnen. Viele Revolutionäre schafften aber die Flucht vor den Truppen und zogen nach Süddeutschland, um die Kämpfe dort zu unterstützen.
Mikhail Bakunin schafft es nicht zu fliehen und wird vom sächsischen Militär festgenommen. Er wird im Staatsgefängnis auf dem Königstein in Dresden eingesperrt.

Exkurs: Internationales Denken in der Revolution 1848/49

Mikhail Bakunin ist von jungen Jahren bereits auf Reisen und lernt in verschiedenen Städten des Zarenreichs Russland und in Europa Menschen kennen, die an eine demokratische Ordnung glauben. Er erkennt viele Gemeinsamkeiten dieser Menschen, obwohl sie in anderen Ländern und so in anderen Staatsformen leben. Wie andere Vordenker, beispielsweise des Kommunismus, versteht Mikhail Bakunin die Kraft der Revolution als etwas Internationales. Er sieht in den Revolutionsgedanken einen verbindenden Gedanken. Grenzen sieht Bakunin nicht unbedingt bei Ländergrenzen. Stattdessen beschreibt er eine Trennung der Menschen anhand ihrer Einstellung zur Revolution.  1848 schreibt Mikhail Bakunin den “Aufruf an die Slawen“, um diesen Mut zu machen, sich gegen die russische Fremdherrschaft aufzulehnen. Dort erklärt er in Zügen seine Weltanschauung:
“(…) In zwei Heerlager ist die Welt getheilt. Hier Revolution, dort Contrerevolution – das sind die Losungen. Für eine von Beiden muß sich ein Jeder, müssen auch wir uns, müsset Ihr Euch, Brüder, entscheiden. Kein Mittelweg führt hindurch. (…)
 
(…) „Was die Reactionäre für eine schlechte Sache thun, wie, sollen nicht wir das Nämliche thun für unsere gute Sache?
Wenn die Reaction in ganz Europa conspirirt, (…), so muß die Revolution sich eine entsprechende Macht des Wirkens schaffen. Heilige Pflicht ist es für uns Alle, für alle Streiter der Revolution, für alle Demokraten aller Länder, daß wir unsere Kräfte vereinigen, daß wir sorgen uns untereinander zu verständigen und uns eng zusammenzuscharen, damit wir verbunden die Feinde unserer gemeinsamen Freiheit bekämpfen und besiegen können.“

Anmerkungen:
●      Reactionäre (neue Rechtschreibung: Reaktionäre) beschreibt die Menschen, die sich gegen die Revolution stellten
●      “conspirirt” (neue Rechtschreibung: konspiriert) bedeutet sich mit jemanden zu verschwören um ein politisches Ziel zu erreichen

Worin sieht Mikhail Bakunin die Vorteile einer internationalen Revolutionsbewegung? Hält er den internationalen Charakter für dringend notwendig?

Nach der Revolution

Nach der Niederschlagung der Revolution wird Bakunin 1851 in der Peter-und-Paul-Festung in Sankt Petersburg inhaftiert. Während seiner Gefangenschaft verfasst er ein scheinbar reumütiges Schreiben an den Zaren, das ihm jedoch keine Gnade einbringt. 1857 wird er ins Exil nach Sibirien verbannt, aus dem ihm 1861 die spektakuläre Flucht über Japan und die USA nach London gelingt. Dort setzt er seinen Kampf gegen die Autokratie fort und entwickelt seine anarchistischen Theorien weiter. Er beteiligt sich an der Ersten Internationale, gerät jedoch in Konflikt mit Karl Marx, was zur Spaltung der Bewegung führt. In den 1870er Jahren kämpft Bakunin weiter für eine föderalistische, anti-staatliche Gesellschaftsordnung, beteiligt sich an mehreren revolutionären Bewegungen, bis ihn seine Gesundheit zunehmend schwächt. Er stirbt am 1. Juli 1876 in Bern, aber sein Erbe als Vordenker des Anarchismus lebt weiter.

Exkurs: Was ist Anarchismus?

Das Wort Anarchie beschreibt die Idee von einer gesellschaftlichen Ordnung, in der Menschen nicht über andere Menschen herrschen. Es gibt in der Anarchie also keinen Staat, keine Gesetze und keine Autoritäten, da das wenige Menschen in eine Herrschaftsposition stellen würde. Stattdessen fordern Anarchist:innen eine Welt, die nach den Prinzipien der Gleichheit und der Gerechtigkeit funktioniert.
Die meisten Menschen aber glauben, dass so eine Ordnungslosigkeit nicht möglich ist und zu Chaos und Gewalt, anstatt zu einem gerechten System führt. Was denkt ihr?

Exkurs: Mikhail Bakunins anarchistisches Denken als Folge seines Lebens?

Die Revolution von 1848 scheitert. Mikhail Bakunin trifft ein sehr hartes Schicksal. Nach der Haft in Dresden folgen viele Jahre der Haft in Russland. Nur durch eine lange, waghalsige Flucht aus der russischen Haft kehrt er zurück nach Europa. Mikhail Bakunin lernt, dass die Konterrevolution vorerst in Europa siegt. Trotzdem gibt es in Europa noch verschiedene politische Bewegungen, die sich für Veränderung einsetzen. Doch auch die Vorstellungen Karl Marxs und dessen Umfelds treffen Mikhail Bakunins Idee einer neuen Ordnung. In den 1870er Jahren veröffentlicht er seine gesammelten Werke und in einem Abschnitt, der sich mit der Frage nach einer gerechten Grundordnung beschäftigt schreibt er Folgendes:

“Wenn Sie nicht wollen, daß Menschen andere Menschen unterdrücken, so geben Sie ihnen nie die Macht in die Hände. Wenn Sie wollen, dass Sie die Freiheit, die Rechte, den menschlichen Charakter ihrer Mitmenschen achten, dann sorgen Sie dafür, dass sie gezwungen sind, sie zu achten: gezwungen nicht durch den Willen oder die bedrückende Aktion anderer Menschen, noch durch den Zwang des Staates und der Gesetze, die notwendigerweise von Menschen vertreten und angewendet werden müssen, was sie ihrerseits wieder zu Sklaven machen würde, sondern durch die Gesellschaft, die so eingerichtet ist, daß sie jedem den vollsten Genuß seiner Freiheiten lässt, aber keinem die Möglichkeit gibt sich über die anderen zu erheben, noch sie zu beherrschen (…).
 
Alle politischen Einrichtungen, selbst die demokratischsten und auf die Anwendung des größtmöglichen Stimmrechts gegründeten (…) enden immer damit ein doppeltes Uebel zu erzeugen. (…)
 
Zunächst bewirken sie sofort und direkt die Umwandlung wirklich freier Menschen in sogenannte freie Bürger, die infolge einer sonderbaren Illusion und Betörung sogar fortfahren sich als jedermann gleich anzusehen, während sie doch von nun an gezwungen sind den Vertretern des Gesetzes, Menschen, zu gehorchen.
 
Nun, ich behaupte, dass die Bürger Sklaven sind, solange sie den offiziellen Vertretern des Gesetzes (..), die Ihnen vom Staate aufgezwungen werden, gehorchen, selbst dann, wenn diese Führer vom allgemeinen Stimmrecht bestätigt worden wären.”

Mikhail Bakunin schreibt diesen Text lange nach der Revolution von 1848/1849. Seine Meinung zur politischen Zukunft des Landes hat sich deutlich verändert. Welche Rolle spielte das Scheitern der Revolution vermutlich in Bakunins Leben und in seiner Einstellung zur Demokratie?