Wilhelmine Lange

Die tüchtige Barrikadenkämpferin

Geboren:  um 1825

Gestorben:  18.03.1848

Geburtsort:  Berlin oder Köpenick

Beruf:  Handarbeiterin

Gruppe:  Revolutionärin

Wilhelmine Lange ist eine von 255 Menschen, die auf dem Friedhof der Märzgefallenen begraben sind. Lies dich durch das Material, um zu erfahren, wie Wilhelmine Langes Leben vor, während und nach der Revolution 1848/49 aussah.

Vor der Revolution
Wilhelmine Lange wird um 1825 in Berlin oder Köpenick in Preußen geboren. Über ihr Leben wissen wir nur wenig. Bekannt ist, dass sie aus ärmlichen Verhältnissen stammt; ihr Vater arbeitet als Kutscher. Als Handarbeiterin gehört Wilhelmine zu den unqualifizierten Arbeiter:innen und zählt damit zu den ärmsten Menschen der Stadt. Um 1848 sehen viele Menschen die Rolle von Frauen vor allem in fürsorglichen, erzieherischen und schmückenden Tätigkeiten. Besonders Frauen und Mädchen aus Arbeiter:innen- und Handwerkerfamilien müssen häufig schlecht bezahlte Näh- und Heimarbeit leisten, um die Haushaltskasse aufzubessern. Wenn Frauen Arbeit in Fabriken finden, verdienen sie oft nur die Hälfte des Lohns ihrer männlichen Kollegen. Die weibliche Bevölkerung leidet besonders unter Hunger und Armut. In den Jahren vor der Revolution kommt es auch in Berlin immer wieder zu Aufständen gegen die soziale Not. Vermutlich beteiligt sich Wilhelmine an diesen Protesten. Insbesondere Frauen geben bei diesen Unruhen den Anstoß zum Aufbegehren.

Exkurs: Eine von 400.000
Ende der 1840er-Jahre leben in Berlin rund 400.000 Menschen und damit doppelt so viele wie 1815. Durch die zunehmende Industrialisierung ziehen viele Menschen in die Stadt. Während die Wohlhabenden „Unter den Linden“ wohnen, lebt die Mehrheit am Existenzminimum oder darunter, etwa Handwerker oder Arbeiter:innen wie Wilhelmine. In den Elendsvierteln wie dem „Feuerland“ wächst die Unzufriedenheit, es kommt immer wieder zu Streiks und Hungerunruhen.

In den 1840er-Jahren führen Missernten in ganz Europa dazu, dass die Lebensmittelpreise stark ansteigen. Dies führt immer häufiger zu Aufständen der ärmeren Bevölkerung. Anfang 1847 erhöht sich auch in Berlin der Preis für Kartoffeln auf den Wochenmärkten kontinuierlich. Am 21. April kommt es daraufhin zu Unruhen auf den Märkten, die als Kartoffelrevolution bekannt werden. Männer und Frauen aus Berlin greifen die Kartoffelhändler:innen an. Auch Bäckereien und Fleischereien werden in der Folge gestürmt. Das Militär greift ein, um die Unruhen zu beenden. Heute gilt die Kartoffelrevolution als ein wichtiger Moment in der Vorgeschichte der Berliner Revolution von 1848.

Während der Revolution
Am Vormittag des 18. März 1848 erklärt König Friedrich-Wilhelm IV., dass die Pressefreiheit eingeführt wird, und macht weitere Zugeständnisse an die Bürger:innen. Aus Freude darüber versammeln sich Tausende vor dem Berliner Schloss. Die Lage wird kritisch, als Soldaten den Platz räumen wollen und dabei versehentlich zwei Schüsse fallen. Auf Barrikaden wird in der ganzen Stadt gekämpft. Wilhelmine, die unweit vom Schloss entfernt wohnt, hört vermutlich das Geschrei und die Schüsse auf den Straßen. Obwohl sie, wie wohl die meisten Menschen, keine Waffe besitzt, schließt sie sich den Revolutionär:innen an, um für die Freiheit zu kämpfen. Wilhelmine wird schließlich von den Soldaten getötet, sie stirbt an zwei Kopfwunden. Am Morgen des 19. März befiehlt der König schließlich den Rückzug der Truppen. Zu diesem Zeitpunkt sind jedoch schon mehr als 150 Menschen aus der Menge und 20 Soldaten getötet worden.


An den Barrikaden kämpfen nicht nur Männer. Das Bild zeigt, wie Frauen an den Barrikaden in Berlin mitkämpfen. Sie gießen Kugeln und schleppen Steine auf Dächer und Türme. Schau das Bild genau an. Womit sind die Menschen auf dem Bild bewaffnet?
In dieser Meldung vom Bestattungskomittee für die Toten der Barrikadenkämpfe wird am 24. März Wilhelmines Bestattung auf dem Friedhof der Märzgefallenen beantragt. Hier wird auch ihre Teilnahme am Barrikadenkampf bestätigt:

„Ein Wohllöbliches Bestattungs-Comité ersuche ergebenst, die Beerdigung der Leiche, der beim Kampf sehr thätig gewesenen und an den erhaltenen Wunden verstorbenen Lange, morgen, Sonnabend Nachmittags um 4 Uhr, gefälligst veranstalten zu wollen. Die Leiche ist in der Fr. Werderschen Kirche aufgestellt und kann nur bis Sonnabend dort bleiben, um jede Stöhrung des Gottesdienstes am Sonntag zu vermeiden. Die Eltern der Lange wohnen Schustergasse Nr. 1. Der Sarg ist bereits besorgt und ersuche ich deshalb den Eltern, die sehr arm sind, diese Ausgabe geneigtest zu erstatten. Berlin, den 24sten Marz 1848”                                
 “Ein junges Mädchen mit Namen Lange ist in der Schustergasse No. 2 an 2 Kopfwunden verstorben. Erhalten hat sie diese Kopfwunden bei dem Hrr. Thieme Hausvoigteiplatz Nr. 5 während sie dort beschäftigt war. Die Eltern wünschen ein feierliches unentgeltliches Begräbnis ebenfalls auf dem Friedrichshain bei den übrigen dort beerdigten im Kampf Gefallenen (…)
 Herr Stadtverordneten Friederich, Alte Leipziger Str. No. 19.”

Exkurs: Wer kämpft und stirbt auf den Barrikaden?
Der Friedhof der Märzgefallenen wird während der Revolution 1848 angelegt. Hier werden insgesamt 255 Menschen beerdigt. Alle sterben während der Kämpfe am 18. und 19. März oder an den Folgen ihrer Verletzungen. Unter den Bestatteten sind auch 11 Frauen. Viele Berliner Frauen beteiligen sich an dem Aufstand. Sie organisieren viel Notwendiges im Zusammenhang mit den Kämpfen. Sie gießen Kugeln, bauen Barrikaden, verpflegen die Kämpfenden und versorgen die Verwundeten. Von einigen wissen wir, dass sie mit der Waffe in der Hand auf den Barrikaden kämpfen.

Nachdem schon am 19. März beschlossen wird, die Toten der Barrikadenkämpfe im Volkspark Friedrichshain zu beerdigen, werden zunächst die Särge auf dem Gendarmenmarkt aufgebahrt. Am 22. März werden 183 Särge dann in einem großen Trauerzug zum neu errichteten Friedhof der Märzgefallenen gebracht.
Auch die Verwundeten, die später sterben, werden auf dem Friedhof der Märzgefallenen bestattet. Es entstehen insgesamt 255 Gräber.
Adlige und Bürger sind die Ausnahme. Rund 85 Prozent der Toten sind Menschen ohne Vermögen oder politische Stimme.

Exkurs: Katzenmusiken
Im Sommer 1848 sind Berlins Straßen ein Zentrum des Protests und des Aufbruchs. Am 26. März versammeln sich über 10.000 Arbeiter:innen, darunter bestimmt auch Bekannte oder Familie von Wilhelmine, an der „Einsamen Pappel“. Sie fordern demokratische Wahlen, Volksbewaffnung, Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit und kostenlose Bildung. Gleichzeitig ziehen die sogenannten „Rehberger“ – Beschäftigte in Arbeitsmaßnahmen bei der heutigen Rehberge – durch die Stadt und fordern Brot und Arbeit. Ihre rote Fahne ersetzt erstmals das schwarz-rot-goldene Banner. Auch gründen sich Arbeitervereine wie das „Central-Comité“ unter Stephan Born und die „Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung“.  Diese und andere Vereine kämpften langfristig für bessere Arbeitsbedingungen, Bildung und Genossenschaften. Parallel gibt es kreative Proteste. Vor allem Frauen und Jugendliche nutzen beispielsweise die sogenannten „Katzenmusiken“, um lautstark Aufmerksamkeit auf Ungerechtigkeiten zu lenken und diese sichtbar zu machen.
Exkurs: Das Ende der Revolution
An nur drei Tagen im November 1848 beendet der König die Revolution in Berlin: Am 10. November besetzt General von Wrangel mit 13.000 Soldaten die Stadt. Am 11. November wird die Berliner Bürgerwehr aufgelöst, und am 12. November wird der Belagerungszustand verhängt. Statt Pressefreiheit, lebhafter Meinungsbildung in Cafés und auf der Straße, öffentlichen Protesten und Demonstrationen erzwingt Friedrich Wilhelm IV. Ruhe in Preußen. Der König erlässt für den preußischen Staat eine eigene Verfassung, die aber die revolutionären Hoffnungen nicht erfüllen kann. Im Frühjahr 1849 bietet die Frankfurter Nationalversammlung dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone eines vereinten Deutschlands an. Im April 1849 lehnt der König dann aber ab, da der Krone, so Friedrich Wilhelm IV., der „Ludergeruch der Revolution“ anhafte. Auf gesamtdeutscher Ebene scheitert die Revolution endgültig, als die militärische Niederschlagung unter preußischer Führung der „Reichsverfassungskampagne“ im Juli 1849 den letzten revolutionären Widerstand bricht.
Zahlreiche Revolutionäre, darunter Parlamentarier der Paulskirche, fliehen vor politischer Verfolgung ins Ausland.

Nach der Revolution
Nach der Revolution bleiben die Lebensbedingungen für Frauen wie Wilhelmine sehr hart. Obwohl sie für ein gerechteres und freieres Leben gekämpft und dabei ihr Leben verloren hat, ändert sich für Frauen zunächst kaum etwas. Viele müssen immer noch lange und hart arbeiten, werden schlecht entlohnt und haben kaum Einfluss auf die politischen Entscheidungen ihrer Zeit. Erst Jahrzehnte später dürfen sie sich wieder in Vereinen und Gewerkschaften organisieren, um bessere Arbeitsbedingungen und gerechte Löhne zu fordern. Das Wahlrecht hatten Frauen in Deutschland erst ab 1919. Wilhelmines Tod erinnert daran, dass Frauen sich aktiv an den politischen Umbrüchen beteiligen, auch wenn ihr Beitrag oft übersehen wird und ihre Hoffnungen auf wirkliche Veränderung nur langsam Gestalt annehmen.

Exkurs: Die Frauen unter den Märzgefallenen
Heute findet man noch insgesamt 24 Grabzeichen auf dem Friedhof der Märzgefallenen. Wenn Du vor Ort bist, schau sie Dir genauer an. Drei Grabsteine sind erhalten, die an Frauen erinnern: Adeline Behm, Henriette Fuchs und Caroline Gliesche. Alle diese Frauen stammen aus den unteren sozialen Schichten. Als Dienstmädchen, Arbeitsfrauen oder Handarbeiterinnen gehören sie zu den Menschen in Berlin, die am meisten von Armut und den sozialen wie politischen Krisen betroffen sind.